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Netzwerke machen das Emsland stark

Neue Studie identifiziert Erfolgsfaktoren

Ems-Zeitung, Ausgabe vom 24.03.2017

Was macht die Emsländer so erfolgreich? Ganz einfach: Sie halten zusammen und packen an. Und sie pflegen Netzwerke, und zwar schon seit Jahrzehnten. Dieses hohe „Sozialkapital“ sieht das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung als starken Erfolgsfaktor und Wettbewerbsvorteil.

Von Beate Tenfelde

Berlin/Meppen. Das Emsland – also der gleichnamige Landkreis – spiele bundesweit eine „Sonderrolle“, betonte Reiner Klingholz, Direktor des Instituts, gestern in Berlin bei der Vorstellung der Studie „Von Kirchtürmen und Netzwerken: Wie engagierte Bürger das Emsland voranbringen“. Vergleichbar abgelegene ländliche Regionen hätten mit Überalterung, wirtschaftlichem Niedergang und Verödung zu kämpfen. Die Emsländer jedoch „schaffen Freizeit- und Versorgungsangebote für alle Altersgruppen und tragen so zu einer hohen Lebensqualität auf dem Land bei“.

Die Studie wurde im Auftrag des katholischen Bistums Osnabrück und der Caritas erstellt. Nach den Worten des Osnabrücker Generalvikars Theo Paul sieht sich die katholische Kirche als „Treiber“ vieler sozialer Projekte. Sie sei eine „Netzagentur“, die vielfältiges Engagement und viele Menschen zusammenbringe. Das Bistum habe wissen wollen, wo Korrekturbedarf nötig sei, sagte der Generalvikar gestern in Berlin. Die Studie habe nun gezeigt, das Emsland sei auf dem richtigen Weg.

Woher kommt das starke Engagement? Die Menschen hätten sich das Gefühl einer lokalen Verantwortungsgemeinschaft erhalten, fand das Institut nach einjähriger Beobachtung vor allem der
Gemeinden Emsbüren, Werpeloh und Thuine heraus. In 36 Interviews stellten die Verfasser der Studie fest, dass die Menschen dort über ihre privaten Beziehungen, vor allem aber auch über ihr vielfältiges Engagement in der Kirche, der Politik oder Vereinen ein „sehr gutes soziales Miteinander“ pflegten. Diese Aussagen wurden bestätigt von Markus Silies, stellvertretender Bürgermeister von Emsbüren. Er sieht diese „Kleinteiligkeit“ als großen Vorteil, die Menschen identifizierten sich mit ihrem Ort und „fassen deshalb selber an“, sei es im Kindergarten oder anderswo.

Ländlich peripher, aber mit starker Zuwanderung, niedriger Arbeitslosigkeit und einem vitalen Arbeitsmarkt – so präsentiert sich laut Berlin-Institut heute das Emsland. Das regionale
Bruttosozialprodukt sei von 2008 bis 2013 mit 9,4 Prozent doppelt so stark wie im Bundesdurchschnitt
gewachsen.

Noch funktioniert es

In einigen Gemeinden herrsche Vollbeschäftigung, heißt es in der Studie. Der Landstrich im Westen koppele sich damit ab von der üblichen Entwicklung vieler ländlicher Gebiete Europas, die über Landflucht und Verödung der Dörfer klagten.

Doch diese klassischen ländlichen Strukturen funktionierten nicht in alle Ewigkeit. „Der gesellschaftliche Wandel macht auch vor dem Emsland nicht halt“, warnt Klingholz.

Auch hier gebe es weniger Kinder, der Anteil der Älteren, die auf Unterstützung angewiesen seien, steige.„Und die Bevölkerung wird durch Zuzug von außerhalb bunter“, erklärte der Instituts-Chef.

Zugleich arbeiteten die Menschen nicht mehr in dem Dorf, in dem sie lebten, und hätten deshalb weniger Zeit, sich in der Nachbarschaft zu engagieren. „Der Nachwuchs für das Ehrenamt dünnt aus, und die Aufgaben werden vielfältiger“, unterstreicht die Studie. Demnach ist es bislang gelungen, die Lücken im
Engagement zu schließen – dank der Kommunen, des Landkreises und des Bistums. „Wir haben uns vorbereitet – schon vor Jahren“, erklärt Paul. „Die Kirche hat verstanden, wie wichtig es ist, die Kräfte zu bündeln und gemeinsam mit Bürgern und Kommune auf ein Ziel hinzuarbeiten“, attestiert ihm das Institut.

Lachende Emsländer

Ems-Zeitung, Ausgabe vom 24.03.2017, Kommentar von Katharina Ritzer

Was haben sie früher alle gelacht über das Emsland! Das Kennzeichen „EL“ steht für „Entwicklungsland“, wurde gespottet. Heute lacht nur einer – der Emsländer. Denn der hat seit dem Emslandplan von 1951 einen beeindruckenden Aufschwung hingelegt.

Dieser Erfolg hat viele Mütter und Väter: Kirchenmänner mit Sinn für Werte. Bürgermeister und Landräte mit Tatkraft. Unternehmer, die Mittelstand nie mit Mittelmaß verwechselt haben. Derlei haben andere Regionen auch zu bieten. Den Unterschied macht im Emsland der besondere Schlag Menschen.

Es sind Menschen, die es seit jeher gewohnt sind, sich selbst um ihre Belange zu kümmern. Menschen, die nicht auf Hilfe von außen warten. Gemeckert wird hier nicht, hört ja eh keiner. Genau darum taugt diese Erfolgsgeschichte allerdings auch nicht als Blaupause für andere Regionen. Höchstens die Erkenntnis, dass sich jede Region konsequent auf eigene Stärken besinnen muss.

Die spannende Aufgabe für die Zukunft im Emsland wird sein, diese Art des Zupackens zu bewahren. Und da bleiben weiterhin alle gefordert: Kirche, Politik, Wirtschaft – und die Menschen des Emslandes.

 

 

Emsland Studie 2017 "Von Kirchtürmen und Netzwerken"

Wie engagierte Bürger das Emsland voranbringen

Das Emsland ist entlegen und dünn besiedelt. Trotzdem kann es sich dem allgemeinen Trend ländlicher Räume aus Abwanderung und Schrumpfung entziehen. Das Erfolgsrezept der Emsländer: Sie haben es geschafft, die für das Land einst typischen subsidiären Strukturen zu erhalten, in denen die Menschen den Herausforderungen vor Ort begegnen und so das Gefühl einer lokalen Verantwortungsgemeinschaft schaffen. Doch auch im Emsland wandeln sich die Lebenswelten und die Menschen müssen mit neuen Ideen die Zukunft meistern.

Ländlich peripher, aber mit starker Zuwanderung, niedriger Arbeitslosigkeit und einem vitalen Arbeitsmarkt – so präsentiert sich das an der holländischen Grenze gelegene Emsland. Die Region im Westen Niedersachsens koppelt sich damit ab von der üblichen Entwicklung vieler ländlicher Gebiete Europas. Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat sich in einer neuen Studie auf die Suche nach den Gründen für diese Erfolgsgeschichte gemacht. Eine wesentliche Erklärung dafür liefern die Emsländer selbst, die sich auf besondere Weise für ihre Region stark machen, und das seit vielen Jahrzehnten.

„In der heutigen Zeit, in der viele ländliche Regionen mit Problemen zu kämpfen haben, erweist sich das subsidiäre Erbe im Emsland als Glücksfall“, sagt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts. Im Kern der emsländischen Dorfgemeinschaften engagieren sich die Menschen für verschiedene Lebensbereiche, schaffen Freizeit- und Versorgungsangebote für alle Altersgruppen und tragen so zu einer hohen Lebensqualität auf dem Land bei.

Die Menschen sind über ihre privaten Beziehungen sowie über ihr vielfältiges Engagement in Politik, Kirche oder Vereinen gut miteinander vernetzt. Kommunale Institutionen bieten die nötigen Strukturen für die Projekte der Freiwilligen. „Gerade dieses Wechsel- und Zusammenspiel zwischen Dorfgemeinschaft und lokalen Institutionen stärkt die Dörfer“, so Reiner Klingholz.

Regionale Akteure wie Verbände, Kirchen oder der Landkreis gestalten die Rahmenbedingungen für das lokale Engagement. Sie sind Ansprechpartner bei finanziellen oder rechtlichen Fragen und unterstützen die Ortsgruppen bei der Vereinsentwicklung. „Die Aktiven im Emsland erhalten die nötige professionelle Unterstützung“, sagt Klingholz „ein entscheidender Erfolgsfaktor, der andernorts häufig fehlt.“

Doch diese klassischen ländlichen Strukturen funktionieren nicht in alle Ewigkeit, denn der gesellschaftliche Wandel macht auch vor dem Emsland nicht halt: Auch hier wachsen weniger Kinder nach, der Anteil der Älteren, die auf Unterstützung angewiesen sind, nimmt zu und die Bevölkerung wird durch Zuzug von außerhalb bunter. Die Menschen sind beruflich stärker eingebunden, arbeiten nicht mehr in dem Dorf, in dem sie leben, und haben deshalb weniger Zeit, sich in der Nachbarschaft zu engagieren. Der Nachwuchs für das Ehrenamt dünnt aus und die Aufgaben werden vielfältiger.

Die Studie hat deshalb auch analysiert, wie sich das Emsland auf diese neuen Herausforderungen vorbereitet. „Neue Formen des Engagements können auch Menschen erreichen, die bislang wenig in den etablierten Strukturen organisiert waren“, sagt Theresa Damm, eine der Autoren der Studie. „Die Zusammenarbeit von Vereinen und Initiativen lässt sich verbessern und die Kommunen und der Landkreis können bei der Organisation helfen. Damit ist es bislang gelungen, die Lücken im Engagement zu schließen.“

Im Emsland sind viele soziale Projekte aus den Kirchen heraus entstanden. Doch weil die Bindung zur Kirche auch hier zurückgeht, kann diese ihre Rolle als Treiber sozialen Engagements verlieren. „Damit sie auch künftig die Menschen vor Ort erreicht, sollte sie sich noch stärker öffnen und mit anderen, säkularen Akteuren kooperieren“, so Theresa Damm. „Die Kirche hat jedoch verstanden, wie wichtig es ist, die Kräfte zu bündeln und gemeinsam mit Bürgern und Kommune auf ein Ziel hinzuarbeiten."

Die Studie wurde gefördert vom Bistum Osnabrück und vom Caritasverband für die Diözese Osnabrück e.V. - >>> Download komplette Studie (.pdf) 

Quelle dieser Zusammenfassung: >>> Bundesverband Deutscher Stiftungen e. V.